Science for Society
© Barak Shrama Wo stünden wir ohne Wissenschaft? 2026 rücken die DWIH mit ihrem Jahresthema „Science for Society“ den Dialog zwischen Forschenden und Öffentlichkeit in den Mittelpunkt: Wie kann die Wissenschaft ihre Ergebnisse anschaulich vermitteln und ihren immensen Nutzen für die Gesellschaft noch sichtbarer machen?
Unsere moderne Gesellschaft ist ohne Wissenschaft nicht denkbar. Elektrizität, Internet, Medikamente, sauberes Trinkwasser, moderne Landwirtschaft – all das ist das Ergebnis jahrhundertelangen Forschens, Zweifelns, Versuchens und Verstehens. Und trotzdem begegnen immer mehr Menschen der Wissenschaft mit Skepsis, befeuert durch politisch motivierte Vereinfachungen und die gezielte Verbreitung vermeintlicher „Alternativfakten“. Auch steht der Vorwurf im Raum, sie operiere zu sehr in der eigenen Blase und habe die „wirklichen“ Belange der Menschen nicht im Blick. Viele Bürgerinnen und Bürger wünschen sich deshalb mehr und verständlichere Kommunikation aus der Wissenschaft.
In diesem Sinne bemisst sich der Wert von Wissenschaft nicht ausschließlich an ihrer Innovationskraft, sondern ebenso an Verantwortung, Verständlichkeit und Möglichkeiten zur Teilhabe. Mit „Science for Society“ rücken die Deutschen Wissenschafts- und Innovationshäuser (DWIH) 2026 die gesellschaftliche Bedeutung von Forschung in den Mittelpunkt: Wie kann der Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gestärkt und Vertrauen in die Erkenntniskraft von Wissenschaft bewahrt und wiederhergestellt werden? Wie lässt sich der Mehrwert wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Bürgerinnen und Bürger sichtbarer machen? Welche Formate und Strukturen fördern Community-Engagement und die gesellschaftliche Wirkung von Forschung?
Wissenschaft besser erklären
Entscheidend ist, Wissenschaft als Erkenntnismethode besser zu erklären. Gute Wissenschaftskommunikation kann dies leisten. Die Stärke von Wissenschaft liegt in ihrem Charakter als Erkenntnisprozess. Gerade in einer komplexen Problemlage kann es vorkommen, wissenschaftliche Ergebnisse mehrfach revidieren zu müssen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Neue Informationen führen zu neuen Theorien, die alte Ansätze weiterentwickeln – ein iterativer Prozess, der letztlich immer genauere Antworten liefert und die bestmögliche Orientierung bei schwierigen Entscheidungen bietet.
Wenn dieses Potenzial klar und transparent vermittelt wird, lässt sich der Skepsis gegenüber Wissenschaft besser begegnen. Die deutsche Allianz der Wissenschaftsorganisationen sieht es als „gesamtgesellschaftliche Aufgabe, den Unterschied zwischen Meinungen und wissenschaftlich überprüfbaren Erkenntnissen zu verdeutlichen, bei der Vermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse auf Klarheit, Nachvollziehbarkeit und Verständlichkeit zu achten und populistisch motivierter Faktenverzerrung den Boden zu entziehen“.

„Wissenschaftliche Erkenntnisse und Kompetenzen bilden das Fundament informierter, gestaltungsfähiger Gesellschaften. Wissenschaft ermöglicht es, die Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft besser zu verstehen und gemeinsam zu meistern. Dafür braucht es einen lebendigen, fairen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Wissenschaft muss Forschungsergebnisse und sich daraus ableitende Handlungsoptionen, aber auch ihre eigenen Werte und Methoden transparent machen, erläutern und gleichzeitig offen sein für Fragen und Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger. Der wechselseitige Austausch stärkt und sichert die Innovationskraft, Wettbewerbsfähigkeit und den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Dieses Verständnis prägt das DWIH-Schwerpunktthema „Science for Society“. Als internationale Plattformen für Austausch und Transfer übersetzen die DWIH den Anspruch eines offenen, dialogorientierten Wissenschaftssystems in konkrete Formate an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft.“Professor Dr. Walter Rosenthal, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz
Missionsorientierte Forschung und Open Science
Die Wissenschaft hat gegenüber der Gesellschaft die Pflicht, wissenschaftliche Erkenntnisse schnell in die Praxis umzusetzen – ohne dabei die Forschungsfreiheit in der Grundlagenforschung einzuschränken. Neben exzellenten Ergebnissen zählt immer stärker, welchen konkreten Nutzen sie für die Gesellschaft haben – ihr „Societal Impact“. Die Diskussion über „missionsorientierte Forschung“ fordert die Hochschulen deshalb auf, neben Forschung und Lehre eine dritte Aufgabe gezielt im Blick zu behalten: den Transfer von Wissen und Technologien in die Praxis.
Dabei geht es auch um die Frage, wie anwendungsbezogene Forschung stärker gesellschaftlich verankert werden kann. Die Herausforderungen, so die gegenwärtige Überzeugung, sind nicht nur „in“ der und „für“ die Gesellschaft zu lösen, sondern auch „mit“ ihr. Der Anspruch ist, Forschung partizipativer zu gestalten. Ein wichtiger Ansatz ist dabei „Open Science“: Durch offene Zugänge zu Daten, Publikationen und Kooperationen sowie durch partizipative Formate wie Citizen Science, Reallabore, Dialogreihen und offene Werkstätten werden unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen frühzeitig in Forschungsprozesse einbezogen.
Deutschlands Beitrag zu gesellschaftsrelevanter Wissenschaft
Deutschland verfügt über ein vielfältiges, international vernetztes Wissenschaftssystem, das sich seiner Verantwortung für die Gesellschaft bewusst ist. In vielen Regionen arbeiten Hochschulen, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Kultur- und Bildungsinstitutionen, Start-ups und Kommunen eng zusammen. Ihr Ziel: Wissen leicht zugänglich machen, regionale Bedürfnisse aufgreifen und Lösungen gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern entwickeln. Wissenschaftsjournalismus, Wissenschaftsfestivals und Dialogformate stärken den öffentlichen Austausch und zeigen, wie Erkenntnisse in Alltag und Berufspraxis wirken können. Als Teil des europäischen Wissenschaftsraums fördert Deutschland regelbasierte, werteorientierte Rahmenbedingungen, die Qualität, Integrität und Teilhabe stärken.
Mit ihrem weltweiten Netzwerk tragen die DWIH dazu bei, Wissenschaft und Gesellschaft enger zu verzahnen: Sie vernetzen Forschende mit Unternehmen, Verwaltungen, Medien und zivilgesellschaftlichen Initiativen, setzen regionale Schwerpunkte und bringen gute Anwendungsbeispiele in den internationalen Austausch. Sie machen Erkenntnisse sichtbar, erproben gemeinsam Lösungen und unterstützen transferorientierte Kooperationen. Zugleich schaffen die DWIH Räume für kontroverse, aber respektvolle Debatten und stärken Vertrauen in die Methoden und Werte der Wissenschaft. So fördern sie gesellschaftlichen Impact, ohne die Freiheit neugiergetriebener Forschung aus dem Blick zu verlieren – und machen „Science for Society“ zur gelebten Praxis.